Kurzgeschichte 2 (gekürzt)

Meine Urgrossmutter hiess Anna. Für mein Empfinden ist dies einer der schönste Frauennamen, die ich kenne. Anna - Anna Sager war ihr voller Name. Ich weiss in welcher Gegend sie gelebt hat, kenne ihren Familiename, ihren Beruf und ihre Mutterschaft, der meine Grossmutter ihr Leben verdankt, die wiederum meine Mutter gebar, die schliesslich mich auf die Welt brachte. Dazu kommen Andeutungen meiner Mutter. Daraus ist bei mir eine Vorstellung von der Urgrossmutter gewachsen. Sie ist lebendig geworden für mich und es dünkt mich, ich könnte eine Verbindung zu ihr spüren. Es gab immer wieder Zeiten, wo mich meine Urgrossmutter stark beschäftigte. Eine Zeitlang habe ich mir sehr gewünscht, Annegret zu heissen. Dabei dachte ich nicht an meine Urgrossmutter. Trotzdem hatte dieser innige Namenswunsch vielleicht etwas mit meiner Urgrossmutter zu tun.
Früher war ich überwältigt vom Schicksal meiner Urgrossmutter. Ihr Leben verlief so, weil sie in diese Zeit und diese Umstände hineingeboren worden war, belehrte ich mich selber, um mich zu beruhigen. Ich war überzeugt davon und froh darüber, dass meine Aussichten besser waren. Jetzt, wo Schicksalshaftigkeit einen anderen Inhalt hat für mich als früher, schaue ich mit anderen Augen auf ihr Leben.
Anna Sager war Schneiderin von Beruf. Ich sehe sie als Störschneiderin, die seit einigen Jahren ihren Kundenkreis hatte, den sie jedes Jahr ungefähr zur gleichen Zeit aufsuchte. Sie wurde gewöhnlich von der Hausfrau in einem abgemachten Zeitraum erwartet, um ihr Aufträge, Kleider zu ändern oder neue zu nähen, zu erteilen. Ich sehe sie vor mir, wie sie mit zügigen Schritten, einen Korb mit ihrem Berufswerkzeug am Arm, auf ein Bauerhaus zugeht.
Anna war gross und schlank. Sie bewegte sich hastig und wenn sie stundenlang am nähend da sass, wurde das Gleichmass ihres Hantierens oft von ruckartigen Bewegungen eines Armes, des Kopfes oder der Schultern unterbrochen, als ob sie von einer Fliege aufgeschreckt worden wäre. Ihr Mienenspiel war lebhaft und ihre Augen schienen kaum jemals zur Ruhe zu kommen. Manchmal lag ein verträumtes Lächeln auf ihren Lippen.
Die Menschen, mit denen Anna zu tun hatte, waren vor allem an ihrer Arbeitskraft interessiert. Gleichmütig nahm Anna alle Wünsche und Anweisungen entgegen und erledigte sie pflichtbewusst und ordentlich. Sie verlor nicht viele Worte und wurde auf den meisten Höfen und in den wenigen Privathäusern als unaufdringlich und zuvorkommend wahrgenommen. Es gab Orte, wo Anna mehr auffiel und sie sich gerne an Unterhaltungen und geselligen Runden beteiligte. Ihr Gesicht hellte sich dann auf und der Druck, der zuweilen auf ihr zu lasten schien, war wie weggeblasen.
Anna war inzwischen dreissig Jahre alt. Sie hatte sich in der Nähe des elterlichen Bauernhofes in einer kleinen Wohnung des Sigristenhauses neben der Kirche eingerichtet. Das Haus gehörte der Pfarrgemeinde und die Miete war gering. Von Anna wurde jedoch erwartet, dass sie dem Ehepaar, das die Kirche sauber hielt und mit Blumen schmückte und daneben noch für die Pflege des Friedhofes verantwortlich war, bei grossem Arbeitsanfall zur Hand ging. Regelmässig besuchte sie ihre Eltern, die vor kurzem in die kleinere Wohnung des stattlichen Bauernhauses gewechselt hatten. Annas Bruder war jetzt der Bauer und bewohnte mit seiner Frau und seinen vier Kindern den unteren Stock. Jeweils am Sonntag assen die zwei Generationen nach dem Messebesuch zusammen das Mittagessen. Anna halft ihrer Schwägerin bei der Vorbereitung und leistete nachher ihren Eltern Gesellschaft. Ihre Mutter hatte Wünsche an ihre Tochter zusammengespart, so dass Anna sich am Sonntag abend nachdem sie emsig die Anweisungen der Mutter befolgt hatte meistens müder fühlte als nach an einem Wochentagen. Annas Mutter hatte seit Jahren Probleme mit ihren Beinen und bewegte sich von Jahr zu Jahr mühseliger fort. Da sie jedoch gerne unter Menschen war, liess sie sich gerne von Anna bei gutem Wetter zu ihren Geschwistern, alten Schulfreundinnen oder weitläufig Verwandte zu einem kurzen Kaffeeschwatz begleiten. War es regnerisch, tauchte fast sicher am Sonntag nachmittag eine oder mehrere Besucherinnen auf. Anna bemühte sich, alles so zu richten, wie es jahrelang ihre Mutter getan hatte, bevor ihr Beinleiden sie nahezu zu Untätigkeit verurteilt hatte.
Anna war als jüngste mit drei Geschwistern auf dem Bauernhof, der nun vom Bruder bewirtschaftet wurde, aufgewachsen. Eine ältere Schwester hatte auf einem schönen grossen Bauernhof in einer Nachbargemeinde eingeheiratet und hatte zwei Söhne. Der zweitälteste Bruder hatte das Elternhaus bereits als vierzehnjähriger Jüngling verlassen und brachte sich als herumwandernder Zimmermannsgeselle durch. Der Weg, den dieser Sohn eingeschlagen hatte, machte der Mutter zu schaffen. Sie konnte sich nicht damit abfinden, dass er sich selten zeigte und die Familie eigentlich nie wusste, wo er sich gerade aufhielt.
Annas Eltern waren sehr arbeitsame Menschen. Ihr schönes Anwesen samt Viehbestand in einem guten Zustand zu halten war ihr höchstes Anliegen. Dem Vater waren seine Tiere sehr wichtig. Viel Gedanken verwendete er darauf, sein Grundstück zu vergrössern. Zeigte sich eine Möglichkeit, einen Streifen Land dazuzukaufen, zögerte er nicht lange, das dafür nötige Geld zusammenzuklauben. Der Mutter lag ihr grosser Garten sehr am Herzen. Auf seine Pflege verwendete sie viel Sorgfalt und Einsatz. Ihre grösste Genugtung war, wenn ihr Werk von Aussenstehenden gebührend gerühmt wurde und sie darum beneidet wurde.
Anna war nur ein Jahr jünger als der zweite Bruder. Die beiden Kinder waren über Jahre ununterbrochen zusammen gewesen. Sie hatten zusammen gespielt und später gemeinsam die ersten Arbeiten auf dem Hof übernommen. Ihr Bruder Robert war der wichtigste Mensch in ihrem Leben. Er hatte sie stets sofort gesucht, wenn sie sich für einmal etwas länger ausserhalb seiner Sichtweite aufhielt. Am Abend vor dem Einschlafen tauschten sie ihre Eindrücke aus. Sie werweissten, weshalb wohl der alte Nachbar manchmal so unfreundlich zu ihnen sei, wer den Zaun beschädigt habe, weshalb die Mutter nicht gerne andere Kinder auf dem Hof habe oder erfanden Geschichten, wo ganz unerwartet Dinge geschahen sich jedoch alles Schlimme schliesslich zum Guten wendete. Als ihr Bruder nach dem letzten Schuljahr wegzog, war dies für Anna ein schmerzlicher Verlust. Roberts Plan, einen handwerklichen Beruf zu lernen, hatte er ihr schon lange anvertraut. Er wolle nie Knecht sein schon gar nicht bei seinem Vater oder seinem älteren Bruder hatte er ihr immer wieder gesagt. Die Tage nach seiner Abreise waren für sie schrecklich und als sie einsah, dass sie ihn vielleicht für Jahre nicht mehr wiedersehen würde und vor allem, dass sie zwei nie wieder so eine enge Gemeinschaft bilden würden, war sie untröstlich. Ihre Mutter hatte kein Verständnis für ihre tiefe Traurigkeit und trieb sie an, mehr Pflichten im Haus zu übernehmen. Häufig bemerkte die Mutter, dass sie Anna zu lange geschont habe und dass diese nicht gelernt habe, richtig zuzupacken wie es auf einem Bauernhof notwendig sei. Aus dem Umstand, dass Anna schweigsam geworden war und manchmal unentschlossen herumstand und vor sich herschaute, schloss die Mutter, Anna sei für die Arbeit im Haus und auf dem Feld ungeeignet und meldete sie im Nachbarstädtchen bei einer Schneiderin zur Ausbildung an. Der Vater sagte nichts zur ganzen Sache. Er hatte seine jüngste Tochter nie gross beachtet und er erwähnte auch Robert nie nach seinem Wegzug. Er hatte in seinem ältesten Sohn einen tüchtigen Nachfolger, das war ihm die Hauptsache. Für ihn war das Bauern die einzige anerkennungswürdige Arbeit. Nur was sich um diese Arbeit drehte, interessierte ihn wirklich. Alles andere fand der Bauer schnell einmal anrüchig und verachtenswert.
Es machte Anna wenig aus, nach dem letzten Schuljahr den heimatlichen Hof zu verlassen. Sie hatte die vage Hoffnung im Städtchen vielleicht Robert anzutreffen. Ihre Lehrmeisterin war eine lebhafte jüngere Frau, die gern redete. Den ganzen Tag kamen Kundinnen in die Werkstatt, die unter dem Vorwand, verschiedene Auskünfte zu benötigen, vor allem Lust auf eine kleine Unterhaltung mit Josefine Stadelmann hatten. Anna hatte selten Gelegenheit, einige Worte zu sagen. Das ständige Schwatzen um sie herum ermüdete sie oft und sie zog sich zurück und dachte sich Geschichten aus. Darin kam oft Robert vor, dem sie Heldentaten andichtete und dem sie sicherlich einmal aus ihrer Lage erlösen würde.
Anna hatte das Glück, dass ihr das Schneiderinnenhandwerk lag und sie gute Fortschritte machte. Fräulein Stadelmann war zufrieden mit ihr und wurde nicht müde zu betonen, wie gut es die Lehrtöchter doch bei ihr hätten und wie erstklassig ihre Ausbildungsmethoden doch seien. Während des letzten Lehrjahres wurde Anna neugieriger, offener und sie begann den Gesprächen der Lehrmeisterin mit ihren Kundinnen mehr Beachtung zu geben. Manchmal stellte sie auch Fragen oder machte eine Bemerkung zu einem der Themen, die sich meistens um Krankheiten, Dorfgeschichten oder auch Familiensorgen drehten. Während der Mahlzeiten erzählte Julia Stadelmann mit ihrer Lehrertochter Geschichten von den Leuten des Städtchens und von den Bewohnern den ihr bekannten Bauerhöfen. Anna sog die Geschichten auf und staunte über all die Verwirrnisse, Ueberraschungen und wie vieles unerklärbar war. Die Schneidermeisterin genoss es, ihre Lehrtochter immer wieder so stark beeindrucken zu können und meinte zu sich selber zufrieden, sie lehre sie nicht nur das Handwerk sondern Anna lerne bei ihr zugleich das Leben kennen. Anna war oft nach dem Essen recht aufgewühlt und ruhelos. Bei schönem Wetter ging sie vors Haus und schaute, ob sich irgendwo Ablenkung, ein wenig Spass mit Nachbarsfrauen und gleichaltrigen Mädchen oder ein kurzes Spiel mit jüngeren Mädchen und Buben. Bei Regen oder Kälte suchte sie ihre Hände zu beschäftigen. Oft zupfte sie versunken an kleinsten Stofffetzen herum und liess dabei die Gedanken schweifen. Sie ordnete die Fäden immer wieder anders zusammen, verknüpfte sie zum Teil und beförderte nach einiger Zeit ihr Werk in den Abfallkorb.
Am späteren Samstag nachmittag erhielt Anna frei. Sie lief die zwei Stunden zum elterlichen Bauernhof und half der Mutter am Abend und am Sonntag vormittag bei der Arbeit im Haus. Die Mutter war zufrieden. Mit Genugtuung bemerkte sie, dass aus Anna nun eine fleissige und sorgsame Arbeiterin geworden war.
Als die Lehrzeit vorbei war, trat Anna eine Stelle in Luzern an, die ihr Julia Stadelmann vermittelt hatte. Die Stadt kam ihr gross und fremd vor und Anna sass unglücklich hinter ihren Näharbeiten, dass die neue Arbeitgeberin ihr riet, wieder auf in ihre nähere Heimat zurückzukehren. Der Mutter war es recht, als Anna für einige Wochen zu Hause weilte und ihr im Haus half. Gelegen kam ihr auch, dass sie eine Gesprächspartnerin und weibliche Unterstützung hatte, da ihr Mann und der älteste Sohn zu einer starken Arbeitsgemeinschaft zusammengewachsen waren, die stets vom Bauern sprachen und sehr selten an den Meinungen der Bäuerin interessiert waren. Die Mutter fand, Anna sei reifer und verständiger geworden und nehme ihr viel Arbeit ab. Das Verhältnis der beiden war besser als es je gewesen war und Mutter und Tochter genossen die Nähe zueinander. Der alte und der junge Bauer meinten jedoch bald, sie wären ebenfalls froh um eine Entlastung und begannen, Anna Arbeiten ausserhalb des Hauses aufzutragen. Anna arbeitete hart und immer häufiger kam ihr der Ausspruch ihres zweiten Bruders in den Sinn, er wolle nicht der Knecht für Vater und Bruder sein. Nein, entschied sie bei sich und sie wollte nicht deren Magd sein. Sie machte ihrer Mutter gegenüber Andeutungen, dass sie wieder als Schneiderin arbeiten wolle. Diese verstand ihre Tochter. Zudem wusste sie, dass der Jungbauer seit kurzem Bekanntschaft mit einer Bauerntochter aus der Gegend hatte und ernsthaft ans Heiraten dachte. War erst die Schwiegertochter im Haus, würden Anna von den Männern noch mehr Arbeiten im Feld und Stall aufgebürdet und eine solche Entwicklung wollte sie verhindern. Als die Mutter hörte, dass die kleine Wohnung im Sigristenhaus frei werde, mietete sie sie, stellte ihren Mann vor Tatsachen und verlangte von ihm, dass er Anna mit einem Betrag, die Betriebnahme einer eigenen Schneiderwerkstatt ermögliche. Widerwillig tat er dies und der Bruder half Anna einige wenige Möbelstücke in ihre neue Wohnung mit Werkstatt zu transportieren.
Anna hatte bald Aufträge. Ihre Kundinnen waren zufrieden. Sie fanden es jedoch aufwändig, ihre vielen Arbeiten in Haus und Garten liegen zu lassen, um zum Anprobieren neue oder umgeänderten Kleider zu Anna zu kommen. Immer häufiger wurde Anna nach Hause gebeten und nach ein, zwei Jahren war sie zur Störschneiderin geworden, die nur noch selten in ihrer Werkstatt für andere nähte.
Anna hatte sich rasch daran gewöhnte, dass sie immer wieder an einem anderen Ort arbeitete, die Mahlzeiten einnahm und oft auch übernachtete. Wenn sie von einem Hof zum anderen wanderte, genoss sie es, Altbekannte anzutreffen aber auch immer wieder Neues zu entdecken, sei es ein frisch gedecktes Hausdach oder eine Aussicht, die sie vorher noch nie richtig wahrgenommen hatte. Oft dachte sie an Robert, der auch in der Welt herumzog, einfach viel grossräumiger als sie. Aber sie fühlte sich dann sehr verbunden mit ihm. Ihr Bruder hatte sich zweimal bei seinen Eltern mit kurzen Nachrichten gemeldet, ein Brief war aus Deutschland, der andere kam von Frankreich. Anna bedauerte, dass sie ihm nie schreiben konnte, da er keine Adresse angab.
Anna freute sich sehr, als sie auf einem Bauernhof auf einen Schulfreund von Robert traf. Er hiess Martin und arbeitete aushilfsweise als Knecht, da er als Wagner in der Region keine ihm zusagende Stelle gefunden hatte. Endlich konnte sie mit jemandem über ihren Bruder sprechen aber sie fanden nur gerade Zeit, auszutauschen wie es ihnen seit der Schulzeit ergangen sei. Martin hatte ebenfalls erwogen auf Wanderschaft Richtung Norden zu gehen. Sein Vater war jedoch früh gestorben und seine Mutter war kränklich. Deshalb war er nach einigen Jahren im Schaffhausischen vor kurzem zurückgekehrt. Als Anna nach Beendigung ihrer Arbeiten sich von Martin verabschiedete, versprach er, sie einmal zu besuchen.
Tatsächlich tauchte Martin an einem Samstag abend im Sigristenhaus auf. Anna wusste sich beobachtet und wagte es nicht, ihn ihre Stube zu bitten. Draussen am Gartenzaun waren sie schnell in ein langes Gespräch vertieft. Martin hatte zwar nichts mehr von Robert gehört, jedoch einige Male mit wandernden Zimmergesellen gesprochen, so dass er Anna Einzelheiten über ihre Lebensweise, ihre Vorschriften und Bräuche erzählen konnte. Die beiden waren sich einig, dass Robert eine gute Wahl getroffen habe und bei beiden wurde eine leise Traurigkeit spürbar, dass für sie aus verschiedenen Gründen ein solches Aufbrechen in die weite Welt nicht in Frage kam. Offen vertraute ihr Martin an, dass er in der Ostschweiz eine sehr gute Stelle aufgegeben habe, weil ihn die Mutter sehr darum gebeten habe, in ihre Nähe zu kommen. Sobald jedoch seine Mutter gestorben sei, fügte er mit entschlossener Miene an, habe man ihn hier gesehen. Die Landschaft, die Menschen, einfach alles gefalle ihm dort besser, sagte er fast verteidigend über die Schulter nachdem er sich von Anna schon verabschiedet hatte.
Anna war betrübt über den Ausgang des Gespräches. Wahrscheinlich würde sie Martin nie mehr wiedersehen und sie wusste doch noch so viel Themen, die sie gerne mit ihm besprochen hätte. Sie hatte gespürt, dass sie mehr Gemeinsamkeiten teilten, als das Interesse an Roberts Lebensverlauf. Er hatte ihr auch als Mann gefallen und sie hätte es sich gut vorstellen können, viel Zeit mit ihm zu verbringen. Tränen der Enttäuschung traten in ihre Augen. Jetzt hatte sie nach Robert auch Martin verloren.
Anna hatte wenig Zeit weiter über Martin nachzudenken. Sie war von morgens früh bis am Abend damit beschäftigt, die Wünsche anderer zu erfüllen, unter der Woche die ihrer Kundinnen, am Sonntag die ihrer Familie. Hie und da schnitt die Mutter das Thema an, ob es ein Mann in Annas Leben gebe, der als Ehemann in Frage kommen würde. Ganz ungeniert meldete die Mutter ihre Zweifel an, dass aus Anna eine gute Bäuerin werden würde. Sie fand, diese sei vielleicht doch zu wenig kräftig und nicht zupackend genug. Anna meinte dann, dass es ja nicht unbedingt ein Bauer sein müsse. Die Mutter schreckte auf und mahnte ihre Tochter, der Vater würde nie einen Schwiegersohn akzeptieren, der nicht Bauer war.
Obwohl Anna recht zufrieden war mit ihrem Leben, spürte sie je länger je mehr, dass ihr etwas fehlte in ihrem Leben. Sie wollte mit einem Mann zusammen sein, mit ihm sprechen, ihn berühren, ihn umarmen, ihm ganz gehören. Anna merkte, dass sie von Männern beachtet wurde und es einige gab, die ihr gerne näher gekommen wären.
Anna hatte sich mit Josephine, der Enkelin des Sigristenpaares angefreundet und die beiden jungen Frauen besuchten gemeinsam mit anderen aus dem Weiler Dorffeste. Anna tanzte gerne und fand stets Tanzpartner. Es waren meistens nicht Bauernburschen. Anna sagte sich selber, es müsste ein Handwerker, Arbeiter oder Angestellter schon sehr gut gefallen, damit sie es mit ihrem verbohrten Vater aufnehmen würde, um dafür zu kämpfen, dass er auch einen Nichtbauer als Schwiegersohn annehmen könnte. Da Anna auf vielen Bauernhofen der Gegend beruflich verkehrte, wurde sie von jungen Männer, die sich als Knechte verdingte erkannt und gerne zum Tanzen aufgefordert. Es gab solche darunter, die ihr recht gut gefielen und sie liess sich je nachdem auch ein wenig näher ziehen beim Tanzen als als sittlich galt. Etwas vom Stolz, eigenen Grund und Boden in der Familie zu haben, war vom Vater auf sie übergesprungen und sie wusste, dass sie sich nie mit einem Mann mit schlechten Zukunftsaussichten verbinden würde. Ein Handwerker hingegen wie ihr Bruder Robert wäre ihr recht gewesen. Der konnte es so weit bringen, dass er sich zum Beispiel ein Haus mit Umschwung erwerben konnte.
Anna versuchte, möglichst viel Geld auf die Seite zu legen und stichelte in ihrer kargen Freizeit fleissig an ihrer Aussteuer. Bald tauchte ein Verehrer auf. Es war ein Sattler aus der Kleinstadt, wo sie die Lehre gemacht hatte. Anna erfuhr von ihm, dass er mit Julia Stadelmann verwandt sei und er von ihr von Anna gehört habe. Bereits beim zweiten Besuch kam er zur Sache. Er wolle sie heiraten und zwar in drei Wochen, sagte er unmittelbar nach der Begrüssung zu Anna. Anna gefiel seine geschäftsmässige, trockene Art mit dem Thema und auch mit ihr umzugehen nicht. Der Sattler sah beim Sprechen stets an ihr vorbei und oft beachtete er ihre Antworten und Fragen gar nicht. Sicher war er arbeitsam und zuverlässig. Aber sie mochte ihn nicht. Sie wünschte sich einen Mann, der mit ihr sprach und der auf sie hörte. Kurzangebunden und mit lauter Stimme, damit er es ja nicht überhörte, meinte sie, sie wäre nicht die richtige Frau für ihn und er solle Julia Stadelmann von ihr grüssen.

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