Personen: Carla Ehefrau von Erich, Mitte 40
Erich knapp über 50
Barkeeper
1. Szene
Carla ist im Wohnzimmer der gemeinsamen Wohnung am Koffer packen. Das Telefon schellt.
Carla: Ja? Ah, hallo Maja. Ja, ich bin am Packen. Ja, es ist so weit - morgen früh! - Ich freue mich so auf diese Reise - ja seit Tagen - Er sagt nicht viel - immerhin ist diese Reise mein Geburtstagsgeschenk zu seinem 50sten! - Es ist Jahre her seit wir allein verreisten - doch ja, ich freue mich darauf. Es wird uns gut tun, ich hoffe, es wird sein wie damals in unseren ersten Ferien - ach nein wir sind ja 20 Jahre älter, aber ....Wie geht es dir? - Oh, das ist hart, hm - Du hast recht. Bleib dabei! Ich wünsche dir alles alles Gute! - Ja, dir auch eine gut Zeit, trotz allem, gib die Hoffnung nicht auf. - Danke fürs Telefon - Wie? ja, ja . Danke! Also, ciao ciao, ciao Maja. (legt auf).
Carla packt weiter, sie beginnt zu singen und summen: "love me tender"(hält inne, atmet aus).
Carla zu sich selber verträumt: Erich und ich wieder einmal an einem Strand, diesmal allein, ohne Kinder - zuerst sind wir fast ein wenig scheu - nur wir zwei, das ist so ungewohnt! Aber es geht, es wirkt - die Anziehung ist wieder da - (lächelt versonnen).
Sie hört das Geräusch der einschnappenden Wohnungstür.
Carla verschmitzt: Aha, er kommt, mein Held, mein Schätzchen, Spätzchen..
(lauter) Ah, Du kommst schon, gut. Dann hast du noch Zeit zum Packen.
Erich küsst Carla flüchtig: Was Zeit zum Packen? Gestern habe ich zwei Stunden lang gepackt. (Kommt in Fahrt) Jetzt habe ich drei Varianten:
Kleine Fototaschen in den Koffer oder ich nehme die grosse Fototasche mit oder ich nehme gar keine Fototasche mit sondern den Rucksack!
Heute abend werde ich entscheiden... und je nach Variante werde ich die Teleobjektive auswählen....
Carla unterbricht, ist nicht interessiert: Ich bin fertig mit allem. Ich habe viel Gepäck, aber dafür bin ich gerüstet für jedes Wetter, hoffe ich. Es kann auch kalt werden im Süden in dieser Jahreszeit.
Erich etwas abwesend: Vielleicht lasse ich die zweite grosse Kamera doch da, dafür nehme ich noch die mittlere mit. Oder soll ich gar keine Kamera mitnehmen? Aber... (verstummt).
Carla schaut ihm kurz zu: Deine Tochter packt auch so, habe ich festgestellt - stundenlang - wenn ich das und das so, dann...., hingehen beim Vorgehen B....Vorgehen C kommt auch in Frage. Abwägen, schlussfolgern...(schüttelt den Kopf) So verschieden... Auf jeden Fall wünsche ich meiner Tochter auch einen (erhebt Stimme) geduldigen, verständnisvollen Partner!
Erich: Geduld? (bedächtig) wo ist da mehr Geduld? Die Stärke des begnadeten Packers ist seine Geduld. Packen ist eine Kunst. Sie wird unterschätzt.
Carla: Kochst du heute? Nicht? Also gehe ich in die Küche und koche ein letztes Mahl. Ab morgen kann ich mich einfach hinsetzen und verwöhnen lassen von allen - auch von dir - hoffe ich (umarmt Erich leicht).
Erich drückt Carla kurz leicht an sich, nimmt dann seine Brieftasche hervor: (Stolz) schau, alles ist vorbereitet. Billete, Pass, Fahrausweis, Kreditkarten - Hast du deinen Pass? Ich habe eine Checkliste gemacht, kann ich jederzeit ändern und ergänzen, eine Adressliste mit Telefonnummern, eine Liste mit Fotomaterial, eine...
Carla unterbricht: Unsere Tochter schläft auswärts. Sie ist bei einer Freundin. Simon kommt heute spät heim. Er ist ins Kino, glaube ich wenigstens.
Erich steckt Listen ein: Er ist 18 Jahre alt. Da muss er dich nicht auf dem laufenden halten über seine Aktivitäten, auch wenn es dank Mobiltelefon möglich wäre......(interessiert) Wo schläft Irene?
Carla: Bei Lea, die war auch schon bei uns übernacht. Also ich gehe jetzt in die Küche und überlasse dich deiner Kunst.
Erich brummelnd: nochmals die Listen durchgehen, überprüfen. (Nimmt Listen wieder hervor) wo ist jetzt die.....hm da, nein, ach wo....hm (seufzt, holt Luft, singt) irgendwann, irgendwo...
2. Szene
Einige Tage später im Ferienort. Carla und Erich kommen von einem Spaziergang durch Städtchen, Strand und Hafen ins Hotelzimmer zurück. Beide wirken müde, abgespannt. Carla ist leicht erkältet. Erich versorgt seine Fotoausrüstung umständlich, kramt herum.
Erich gut gelaunt: Ein paar Bilder sind gelungen, glaube ich. Es hat gute Sujets hier. Du hast den Ort gut gewählt. Es hat einen Hafen, schöne Schiffe - das gibt immer reizvolle Bilder - all die Masten. Il faut doser la beauté! Weisst du wer das gesagt hat? (triumphierend) Le Corbusier!
Vielleicht gefallen mir einige Fotos so gut, dass ich sie an eine Ausstellung gebe. Ich hätte die Möglichkeit an einer Fotoausstellung mitzumachen - alles Hobbyfotografen. Morgen gehe ich nochmals an den Strand - nein, zuerst in den Hafen. Ich habe da noch Vorstellungen. Hier ist es noch echt.....
Carla sitzt versunken auf Stuhl, reibt ihre Füsse, zieht Pantoffeln an, schaut nach, ob SMS gekommen ist, tut geheimnisvoll, macht ein enttäuschtes Gesicht:
Ja, der Ort ist malerisch. Schöne Gegend, das Meer ist imposant! Mir gefällts ja - aber hast du gesehen, wieviel Abfall am Rande des Strandes herumliegt? All die Petflaschen, Plastiksäcke, Getränkedosen - (betont) Zuvielisationsmüll! Das graust mir. Wieso räumen sie das nicht weg? Hast du gesehen. Die alte Frau, sie sitzt stundenlang auf dem Stuhl an der Promenade und vor ihr staut sich auf dem Strand tagealter Dreck. Sie müsste sich doch nur kurz bücken oder sonst jemand, der Sohn, ihre Tochter.....oder die Stadtverwaltung könnte die Abfallbeseitigung besser organisieren..... Wenn der Dreck weg wäre, könnte ich das Meer, den Strand, die Promenade, die Palmen so richtig geniessen - (steigert Lautstärke, ist ungehalten) Ich bin doch hierher gekommen, um mich zu entspannen und nicht, um mich über die Umweltverschmutzung und über das dreckige Meer aufzuregen.
Erich hantiert mit Geräten, hört zuerst nicht recht zu...schliesslich: Geh doch aufräumen. So viel Dreck ist es nämlich gar nicht. Die haben schon ein Konzept hier, halt nicht ein perfektes..
Carla unterbricht: Es hat Dreck. Warum sind die Spaziergänger so achtlos? Es hat ja Abfallkörbe. Und was das Meer alles anschwemmt.....was sich da alles staut bei der Mauer der Promenade. Warum räumen die das nicht weg?
Erich: Die beachten diesen Streifen neben der Mauer halt nicht.....Die sind eben nicht radikal - Es gibt Zonen, wo man nachlässig sein darf. Das ist eben der relaxte Lebensstil des Südländers. Der zieht doch uns Nordländer an. Du bist ja sonst immer so stolz auf den Anteil südländischem Blutes in dir.
Carla: Mit etwas Effort wäre es hier sauber.
Erich: Ja, ja die Disziplin, zieh deine mitteleuropäische Brille einmal aus. Die sehen den Abfall nicht und du, du siehst nichts als diese paar Häufchen, merkst du etwas?
Carla: Ich habe mir das eben anders vorgestellt - eine schöne Gegend sollte eben auch schön aufgeräumt sein.
Erich: Geh doch nach Marbella. Dort ist alles gepützelt.
Carla: Nein, das gefällt mir auch nicht - (Müde) ich weiss nicht, vielleicht gewöhne ich mich daran.
Beide schweigen.
Carla gedankenverloren: Die vielen Hunde, die herum streunen. Ist dir das auch aufgefallen?
Erich kramt in seiner Fototasche: Hunde? interessieren mich nicht besonders.
Carla: Ihr hattet doch zuhause einen Hund, als du Kind warst. Du hast ihn sehr gerne gehabt, das hat mir deine Mutter erzählt. Dauern dich die Hunde nicht?
Erich: Die Hundescheisse auf dem Trottoir nervt mich. (Mit Nachdruck) du bist die grosse Hundeliebhaberin hier. (Etwas gereizt) Du empfindest grosse Liebe für alle Hundeviecher.
Carla etwas irritiert: Ich hatte noch nie einen eigenen Hund. Aber ich mag Hunde. Ich mag alle Kreaturen.
Erich sehr bestimmt: Ich möchte im Fall nie einen Hund. Du hast ja einige Jahre mit einem Hund zusammengelebt. Das sollte reichen.
Carla: Ich habe mit einem Mann zusammengelebt, der einen Hund hatte. Chica, ein sehr sympathisches Tier.
Erich aufmerksam: Aber das Herrchen war dir doch lieber als das Viech?
Carla: alte Geschichten.
Erich: Da wirst du mundfaul wie sonst selten.
Carla: Hast du die Fischerfrauen gesehen. Ältere bis alte Frauen, wie die sich zeigen überall. Wie die auftreten - stark - stolzieren in ihrer komischen Tracht herum wie Schönheitsköniginnen.
Carla juckt auf, zieht Jeans aus und drapiert kariertes Tischtuch um die Hüfte, so dass ein leicht ausgestellter Minirock daraus wird. Sie geht ins Bad und bindet Handtuch wie Schürze darüber, das Badetuch dient ihr als Schultertuch, um den Kopf drapiert sie ihren Seidenschal. So stolziert auf ihren zierlichen Pantöffelchen mit leichten Absätzen aufreizend im Zimmer herum.
Erich hat zuerst nichts gemerkt, dann blickt er verdutzt auf Carla. Er grinst und nimmt die Kamera hervor und drückt ab. Carla posiert. Sie vergnügen sich einige Zeit.
Carla wirft abrupt die Verkleidung weg, zieht Jeans wieder an. Erich schaut enttäuscht und versorgt sorgfältig seine Kamera.
Carla nimmt den Stadtplan hervor: Also ich habe vorbereitet für morgen für den Ausflug. (Begeistert) Schau es ist ein grosse Stadt und viel zu sehen. Ich kann mich jetzt orientieren. Da ist das Geschäftsviertel.....die Altstadt...das Viertel mit den Museen, der grosse Park, der Hafen.....oh, ich freue mich drauf, dies alles zu entdecken.
Erich unterbricht: Wo ist in dieser Stadt der Flughafen?
Carla erstaunt und etwas ärgerlich: Das brauchen wir doch nicht zu wissen.
Erich: Dort in der Nähe ist sicher die Busstation, wo wir ankommen werden. Ich habe auch noch eine Karte. (Sucht vergebens) Hast du sie genommen? Ich finde sie nicht. (Er zieht seine Lupe hervor)
Carla vertieft in die Karte: Schau hier auf meinem Plan. Ich zeige dir die Stadt, die Sehenswürdigkeiten.
Erich kommt mit seiner Lupe: Wo ist der Nordpfeil? Wo sind eigentlich die Bahnhöfe? Die Metro?
Carla zeigt: Da ist eine Metro-Station....und da. Da ist das Museum mit der berühmten Sammlung.
Erich nimmt ihr die Karte aus der Hand und sucht mit der Lupe: (triumphierend) Da ist Norden! Schau doch, so können wir uns orientieren.
Carla wendet sich ab, streicht über ihre Stirne, schnäuzt. Sie greift nach dem Führer und blättert, liest ein wenig, schaut dann vorwurfsvoll auf: Ich wollte dir die Stadt zeigen und Vorschläge machen für morgen und du interessiert dich nur fürs Transportsystem. Wir fahren ja mit dem Bus hin......(halblaut) ich bin so müde.
Erich: Du willst ja mit dem Bus hin. Öffentlicher Verkehr ist dir ja sooo wichtig.
Ei, werde ich auch krank? Ich habe ganz heiss. Hab ich Fieber? Du hast mich angesteckt?
Carla: Ich bin nicht krank, nur erkältet. Du hast sicher kein Fieber.
Erich: Ich möchte sicher sein. Hole bitte den Fiebermesser.
Carla schaut kurz vom Buch auf: Du hast kein Fieber.
Erich: Ich möchte aber sicher sein (holt seinen Fiebermesser aus der Reiseapotheke).
So habe ich den nicht umsonst mitgenommen.
Carla liest in ihrem Führer.
3. Szene
Carla und Erich kommen vom Abendessen mit anschliessendem Konzert zurück in ein Hotelzimmer.
Carla: Ein schöner Abend. (Singt und trällert) Diese Musik hat mir sehr gefallen. Oh, Ich konnte mich ganz hineingeben in diese Stimmung. Diese Melancholie, Sehnsucht, diese Kraft - stark und zugleich so zart und weich - ich bin noch ganz erfüllt davon. Wie fandest du es?
Erich: Nicht gerade meine Musik, aber es ging.......Doch das Essen. Das hat mir sehr geschmeckt. Der Wein war Spitze.
Carla: Ja das Abendessen war sehr gut. (Nachdenklich) Und wir haben uns unterhalten, wir führten ein Gespräch. Du hast von dir erzählt und es hat mich interessiert.
Erich: Ja du hast mir zugehört wie selten.
Carla: Und du hast mir zugehört und bist auf mich eingegangen. Ein guter Tag.
Oh und heute habe ich mir ein Cape gekauft! Ein guter Kauf! (Carla steht auf und probiert verschiedene Arten aus, das Cape zu tragen.
Erich schaut schmunzelnd zu, ist angetan.
Carla abrupt: Ist wohl ein SMS gekommen? (Sie ergreift ihr Handy) - nichts - ich schreibe schnell eines.
Erich: Was SMS? (Schaltet Fernseher ein und sucht Programm, es passt ihm keines. Er geht zur Fototasche und sucht) Wo ist eigentlich.....ach, ist das möglich, ist das möglich? (Schlägt sich an die Stirne) Ich habe das Zeissweitwinkel 35 vergessen.
(Verzweifelt) Das Drama des betagten Kindes!
Carla blickt von ihrem Handy auf: Ein SMS an deinen Sohn. So. Vielleicht hören wir doch noch etwas von den Kindern.
Später
Carla: Die Obdachlosen, die beschäftigen mich - Was ist das für ein Leben?....Was haben die für Aussichten? Mit dem Alter wird doch alles noch schlimmer......Diese Gegensätze hier im Süden.
(Grübelt in den Zähnen) Jetzt beginne ich auch schon in den Zähnen zu grübeln, wie das Personal in den Restaurants - ist doch etwas unappetitlich, findest du nich auch? (Erich reagiert nicht). Der Hund, der uns heute nachgelaufen ist, war doch ein herziger, so struppig - ein Herzerweicher - (Seufzt) Jetzt wo die Kinder wohl bald ausziehen, könnten wir doch einen Hund anschaffen. Dann könnten wir lange Spaziergänge machen.
Erich nun hellhörig: Ich mag keine Hunde.
Carla selbstsicher: Das stimmt nicht. Das weiss ich aus bester Quelle.
Erich: Jetzt bist du halt mit mir zusammen und ich bin nicht der grosse Hundefreund. Mann / Frau / Hund, diese Kombination hattest du mal, das ist vorbei. Ich habe andere Interessen. (Zieht Fototasche hervor und vertieft sich in ihren Inhalt)
(Halblaut) Wo hab ich jetzt.....ist noch alles da? Am richtigen Platz, sonst..........ein altes Röschen, mein Neuröschen.
Beide schweigen.
Carla liegt nun auf dem Bett: Ein Leben vor dem Tode....wir haben noch 30 bis 40 Jahre vor uns.
Erich: 15 Jahre bis zur Pension - dann mache ich keinen Streich mehr - höchstens noch fotografieren.
Was machen wir morgen? Was hast du dir ausgedacht?
Carla: Was hast du dir ausgedacht?
Erich: Du hast die Ideen. Die Reise war dein Geschenk, also liegt die Planung an dir!
Carla: Ich bin so erkältet, ich glaube, ich will morgen kein Programm.
Erich: O frei, ein freier Tag. Das passt mir. Hast du etwa Fieber. Soll ich den Fiebermesser holen?
Carla: Nein......ach wenn du willst, so mach’s halt.
Erich holt eifrig den Fiebermesser und misst Carlas Temperatur: (Nach einiger Zeit) Du bist gesund! Aber es war viel heute, richtig anstrengend, aber auch anregend......Also morgen haben wir frei und dann geht es uns besser. Endlich richtig Ferien!
Carla: Für übermorgen könnten wir ein Auto mieten. Ich habe ausgerechnet, dass dies der günstigste Tag wäre, um der Küste entlang zu reisen. Es muss ein sehr schöner Abschnitt sein - drei Sterne im Führer. (Überlegt) Dann müssen wir morgen auf die Autovermietung, aber das geht ja schnell.
Erich: Hm, es hat aber viele Anbieter, ich will alle um ein Preise bitten und dann evaluieren.
Carla: Ach wir gehen doch einfach zum ersten besten.
Erich: Und dann möglicherweise doppelt soviel zahlen wie in einem anderen Büro. Nein!
Carla: Morgen ist doch ein freier Tag, ich möchte herumstreifen, die Stadt, die Leute, Atmosphäre auf mich wirken lassen, eben planlos sein.
Erich hat Broschüre in die Hände genommen und blättert darin: Ah, ich habs gefunden. Ich wusste es doch, hier hat es Anzeigen von Autovermietungen. Jetzt kann ich auf dem Stadtplan schauen, wo die sich befinden.
Carla: Muss das sein? Muss alles immer so kompliziert und aufwändig werden?
Erich: Ja, du könntest ja froh sein, dass ich das mache. Dann ist schon vorbereitet für morgen.
4. Szene
Eine Bar ohne Gäste. Der Barkeeper ist allein hinter der Theke. Er trocknet Gläser ab. Es ist kurz nach dem Einnachten. Kunstlicht brennt.
Von draussen hört man einen heftigen Schlag und Bremsgequitsche. Der Barmann unterbricht seine Arbeit und späht aufmerksam durchs Fenster. Er schaut auf die Uhr, räumt Sachen weg, legt eine CD auf (Mao Chau) und verlässt den Raum kurz. Wieder zurück im Raum füllt er Flaschen nach.
Die Türe geht auf und Carla und Erich treten ein. Beide wirken durcheinanander und aufgeregt.
Carla mit schwacher Stimme: dois caffés por favor.
Das Paar lässt sich auf Barhocker nieder, Erich ungeschickt, Carla routinierter.
Sie schweigen. Beide machen unglückliche, nachdenkliche Gesichter.
Carla: Keine Spur, nichts gefunden......So ein Aufprall und dann finden wir einfach nichts. Es ist ja auch schon so dunkel. Hier hat es keine Strassenbeleuchtung....dass es da überhaupt eine Bar hat.
Erich: So weit das Scheinwerferlicht reichte, war nichts zu sehen, keine Anhaltspunkte.
Carla nickt dankend, als der Barmann zwei Kaffeetassen hinstellt. Beide rühren den Zucker ein. Sie trinken. Pause.
Später
Carla: Was ist eigentlich passiert? Es ist wie ein Spuk. Plötzlich war etwas auf der Fahrbahn. Aber ich sah nur einen Schatten und dann hörte und spürte ich den Aufprall. Ich sah etwas aus den Augenwinkeln, den Kopf hatte ich gerade abgedreht, um die Lichter der Stadt anzuschauen......Du hast doch geradeaus geschaut. Du hattest doch den Überblick. (Ihre Stimme wird immer eindringlicher) Was hast du gesehen? Du hast doch mehr gesehen als ich. Du hast die ganze Zeit auf die Strasse geschaut.
Erich zögernd: Ich bin nicht sicher.....ein Reh? Es könnte ein Hund gewesen sein, ein heller, recht grosser.....Aber ich bin nicht sicher.......Doch am ehesten war es ein Hund. Aber falls es einer war, wo ist der jetzt?
Carla: Wir könnten den Barmann fragen, ob sie einen Hund besitzen. Er soll nachschauen, ob er noch da ist.
Erich: Das ist heikel und so gut sprichst du die Sprache ja auch wieder nicht. Es kann Missverständnisse geben. Der könnte uns etwas anhängen...vielleicht war’s nur....
Carla unterbricht mit Nachdruck: Es war ein Tier! Du hast das vorhin draussen auch gesagt. Jetzt willst du abschwächen......Sicher war`s ein Hund - vielleicht eine Labradormischung - wie Chica. (Seufzt) Und jetzt krepiert das arme Tier vielleicht jämmerlich im Gebüsch.
Erich: Welche Chica?
Carla: Der Hund, den Rolf und ich hatten. (Ratlos und schuldbewusst) Was sollen wir machen?
Erich: Der Barmann schaut auch so komisch zu uns hin. Der hat doch den Aufprall gehört. Und du hockst da wie eine Sünderin.
Carla entgegnet heftig: Nein, ich fühle mich wie eine Täterin. Ich sass ja auch im Auto des Verursachers.
Erich zuerst empört: Ah, Danke. Ich bin im Fall nicht zu schnell gefahren. Aber der Aufprall war heftig......Ich bin auch erschrocken. Es täte mir auch leid, wenn ich ein Tier zu Tode gefahren hätte...oder vielleicht noch schlimmer nur schwer verletzt hätte.
Carla laut: ICH wollte ja noch weitersuchen...aber wir sahen ja nichts mehr. (Flüstert nun fast) Wir können morgen nochmals hierherfahren.
Erich zweifelnd: Wir müssen das Mietauto um 9.00 Uhr abgeben. Wir haben nicht viel Zeit - ach Scheissferien. (Jammerton) Ab 50 geht’s sowieso bergab....Ach stimmt gar nicht. Es ging nie bergauf.....Höhepunkte gab’s überhaupt gar keine...Entweder habe ich es selber vermasselt oder ein anderer hat mitgemischt - Scheisse!
Carla sehr nachdenklich: Plötzlich wird man zum Täter. Es ist einfacher sich als Opfer zu sehen. Jetzt kommen mir ständig Bilder von Chica. Sie war auch hell, kräftig. Sie kam auch einmal unter ein Auto. Zum Glück wurde sie nur leicht verletzt. Wir haben sie gepflegt.
Erich etwas barsch: Wer wir?
Carla: Rolf und ich. Sie hat sich schnell erholt. Klar sie war gut genährt und robust - eben gut gehalten. Die Hunde hier sind schlechter dran.
(Gedankenverloren) Die Ungewissheit - was war’s? Wie geht es dem Lebewesen jetzt? Das ist schwierig auszuhalten, wenn man etwas nicht recht weiss. Man kann nur spekulieren. Vielleicht übertreibe ich...aber ich kann nicht einfach tun, als ob nichts gewesen wäre.
Erich ernst: Warum hast du nicht Rolf geheiratet. Ich nahm immer an, er habe dich verlassen und du hast mich genommen, um nicht alleine dazustehen.........Ich war zweite Wahl. (Seufzt) eine Notlösung...ein Lückenbüsser.
Schweigen
Carla spricht langsam und betont: Ich habe DICH gewählt. Die Zeit mit Rolf war gut - spannend. Mit dem umgebauten VW-Bus sind wir in ganz Europa herumgefahren. Doch, es wurde mir zu ruhelos, zu ziellos. Bei allem Wechsel, doch gleichbleibend. Rolf hat es geschmerzt, als ich ihm sagte, dass ich aufhören wolle so zu leben, dass ich nicht mehr mit ihm zusammensein wolle.
(Sie sieht Erich eindringlich an) Du warst nicht zweite Wahl! (Mit weicher Stimme) Deine Art mich anzuschauen, hat mir sofort sehr gefallen. Du hast mich sehr beachtet - damals.
Erich schaut ihr in die Augen. Beide sind versunken.
Carla sanft: Wir hatten es doch gut zusammen, vor allem in den ersten Jahren. Wieso hast du mich nie darauf angesprochen, mich gefragt, warum Rolf und ich uns getrennt habe? Schrecklich.....du meintest du seiest zweite Wahl und ich hatte das Gefühl, du seiest meistens weit weg von mir - fast so weit weg wie Rolf. Nein der ist natürlich viel weiter weg, ab die Erinnerungen sind da. Er war meine erste längere Beziehung.
Aber wir zwei haben Kinder zusammen, wohnen in der gleichen Wohnung, sehen uns ständig - aber schauen uns nie richtig an. Jetzt, in diesem Moment, ist es anders.
(Atmet auf) Ich liebe dich doch!
Beide schauen sich tief in die Augen.
Erich innig: Carla, ich bin so froh, dass wir darüber gesprochen haben. Komm wir gehen jetzt. (Er legt Geld auf die Theke). Morgen früh, sobald es hell wird, fahre ich nochmals hierher und schaue gründlich nach. Nachher bringe ich den Mietwagen zurück.
Carla entschlossen: Ich komme morgen auch mit.
Sie hören von draussen Hundegebell. Sie horchen auf.
Carla: Komm wir schauen nach.
Man hört von draussen Stimmen, diejenigen von Carla und Erich und eine dritte und Wortfetzen in einer fremden Sprache.
5. Szene
Wieder im Wohnzimmer zuhause.
Carla packt aus. Sie hört, dass ein SMS gekommen ist. Sie blickt erstaunt.
Carla zu sich selber: Ah, von Simon....nein kaum, ist ja auch nicht nötig, dass er antwortet. Mein Sohn hat noch andere Interessen. Ist ja auch gut so.
Sie nimmt ihr Handy hervor und liest: Carla, meine Königin, ich liebe dich! König Erich, der Erste! Bin um 19.00 Uhr daheim. Carla liest den Text nochmals halblaut durch, schmunzelt, drückt das Handy an sich und strahlt: Das erste SMS von Erich. Danke Schatz.
Das Telefon schellt.
Carla: Ja? Hallo Maja, ja wir sind zurück. - Es hat mir gefallen. Es tat uns gut.- Es war anders als erwartet. Wie geht es dir? - Wir können uns ja bald treffen. Jetzt möchte ich kochen. Wir essen bald. - Mach es gut. Bis bald. Ciao Maja.